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ANSPRACHE VON PETER KILLER ANLÄSSLICH DER
VERNISSAGE DER SBG, SOLOTHURN IM NOVEMBER1994

Jürg Trussardi wurde 1950 in Baden geboren. Aus dem Aargauer ist unterdessen ein Solothurner geworden. Seine Ausbildung holte er sich an den Schulen für Gestaltung in Bern und Basel sowie in der Eisengiesserei Selzach. In der solothurnischen Kunstszene befindet er sich für die einen im Zentrum, für die andern am Rand. Ueber diese merkwürdige Zwischenposition dieses Künstler, der so reich an Einfällen und Phantasie ist, möchte ich mich im Folgenden äussern.Seien wir ehrlich, wir wissen es nicht genau, ob wir Mozarts "Kleine Nachtmusik" oder Ravels "Bolero" neben die Konzerte oder Beethovens Sinfonien stellen können. Und seien wir noch einmal ehrlich, diese Vergleiche interessiert doch niemanden. Sowenig wie die Frage, ob Moliere oder Racine bedeutender seien. Und wer ist wichtiger, Chaplin oder Eisenstein? Blöde Fragen, die Antworten erübrigen.—In der bildenden Kunst ist das merkwürdigerweise viel komplizierter. Während es in den andern Künsten einen fliessenden Übergang zwischen E- Kunst und U-Kunst gibt, wachen im Bereich der Malerei und der Skulptur die Türhüter streng darüber, dass nichts Heiteres, Unterhaltendes oder Dekoratives über die Schwelle des Tempels gelangt. Jean Tinguely gehört zu den wenigen Ausnahmen, die in die hehren Hallen des Museums Eingang gefunden haben.

Es beschäftigt mich seit Jahren, von wo diese etwas gestörte Beziehung zur spielerischen, heitern und so einseitig geliebten Kunst stammt. Mit meiner letzten Ausstellung im Kunstmuseum Olten, die den Titel trug "Wie schön dürfen Bilder sein?" fragte ich nach der Berechtigung des Dekorativen in der Kunst. Farben- und Formenspieler wie Samuel Buri oder Claude Sandoz gelten ja bekanntlich bei vielen Kunstfreundinnen und Kunstfreunden als frivol. Ausstellungen dieser Art, die Wertungen befragen, habe ich schon mehre veranstaltet und immer die Erfahrung gemacht, dass Museums- und Kritikerkolleginnen und -hinterfragt werden. Zu solchen Tabus zähle ich auch die Beziehung des Spielerisch-Heiteren zur Kunst.

Auffällig ist, dass die romanischen Länder von diesem Problem kaum belastet sind. Bildwerke zu schaffen, die gefallen, unterhalten, hat dort nichts Ehrenrühriges. Möglicherweise ist die Ueberzeugung, dass Kunst eine todernste Sache sein muss, eine Spätfolge der Reformation. Durch die Zerstörung des geschlossenen religiösen Weltbildes, die in den nördlichen Ländern Europas zu einem Nebeneinander der Konfessionen und zu einer entsprechenden Verunsicherung führte, ist möglicherweise ein Bedürfnis nach einem Religionssugorat entstanden, das viele in der Kunst gefunden haben. Religion kennt in der direkten Botschaft weder Witz noch Ironie. Wo kämen wir hin, wenn die Kirchen von schallendem Gelächter erfüllt wären?. Wie könnte die Religion so ihre Autorität behaupten? Als Religionsersatz dürfte folglich auch der Kunst keine erheiternde Funktion zukommen, wären Museen eine Art Ersatzkirche.

Doch nicht nur die Kunstkenner tragen schwer am Leichten. Die Künstler selbst spüren den Zwiespalt. Man denke zum Beispiel an die vielen Gebrauchsgraphiker, die sich oft fast verbissen bemühen, auch noch ein ernstes Oeuvre zu schaffen. Konrad Farner hat vor 32 Jahren ein wunderbares Buch über Gustave Dore herausgegeben, den grössten lllustratoren, also Bildunterhaltungskünstler des 19. Jahrhunderts. Er beschreibt den Aufstieg des begnadeten Zeichners, der von Münchhausen bis zu den Grimm-Märchen alles illustriert hat. Das Unterhalten genügte ihm nicht: der vom Erfolg Verwöhnte suchte einen andern Erfolg. Als Maler und Bildhauer wollte er zu Ehren kommen. Er verliess das heimische Paris, zog bezeichnenderweise ins anglikanische London. Er scheiterte und zerbrach als sogenannt ernster Künstler.

Jürg Trussardi wird an der Diskrepanz zwischen E- und U- Kunst nicht zugrunde gehen. Seine romanische Grundsubstanz wird ihn weiterhin stabilisieren. Und abgesehen davon gibt ihm die widersprüchliche Realität recht. Er hat ein bisschen Las Vegas in diese Räume gezaubert. Las Vegas wird von etwa1000 mal mehr Leuten besucht als das New Yorker Museum of
Modern Art. Las Vegas prägt das Bewusstsein unserer Zeit wohl wesentlicher als die ganze Kunst. Trussardi nimmt also Manets Forderung Der Künstler müsse von seiner Zeitsein,
durchaus ernst.

Wie schon Jean Tinguely bewiesen hat, schliessen sich äusserste Hingabe und eine gewisse Selbstironie gegenseitig nicht aus. Wer sich nicht allzu ernst nimmt, kann mit sich und seinen Möglichkeiten spielen. Aus dieser spielerischen Haltung heraus vermag Trussardi sein Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten ständig zu erweitern, dank ihr sind zum Beispiel Trussardis Transparentbilder entstanden

Vernissagereden pflegte man einst gern mit Goethe zu enden. Ich schliesse mit Schiller. Er sagt. “Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt”.—Jürg Trussardi ist ein ganzerMensch.

Peter Killer